Aufstieg

Auszug, erster Entwurf:

Da ist ein Raum. Es gibt ihn seit der Geburt. Ganz vieles wurde dort abgestellt. Und vielleicht vergessen. Man kümmerte sich aber nicht drum. Die Spinnweben wurden immer mehr. Der Staub legte sich über alles. Die Scheiben wurden trübe. Es war einfach da. Man hatte immer anderes zu tun, wichtigeres. Dinge, die den Blick woandershin lenkten. Eines Tages sah ich, wie sich viele Menschen und Tiere verwandelten. Sie leuchteten mehr als je zuvor. Ihre Gewänder wurden fliessend, leicht und hell. Manche trugen eine armorne Rüstung, die silbern schimmerte. Einer nach dem anderen schwebte dem lichtvollen Himmel entgegen. So zart und leicht wie eine Feder. Dem Universum entgegen, der voller Sterne ist, in dem alles Eins ist. So gerne wollte ich auch, aber meine Füsse klebten am Boden fest. Nichts an mir schimmerte oder leuchtete. Ich wollte nicht allein zurück bleiben und schrie in meiner Verzweiflung „Warum??“. Die Wirkung trat sofort ein. Statt der aufsteigenden Wesen sah ich nun eine Tür, aus altem Holz. Mit einem Stirnrunzeln griff ich nach dem Türknauf und drehte ihn um. Langsam schob ich die Türe nach innen, denn die Staubdecke zwischen Boden und Türe war so dick, dass sie sich nur mühsam aufschieben liess. Die Spinnweben erschwerten das durchkommen und durch den trüben Lichtschimmer machte ich einen Raum aus, der grösser als die Sporthalle in der Schule war. Zugestellt mit längst vergessenen Dingen. Auf manchen Kisten klebte ein Zettel. Neugierig wischte ich mit meiner Hand auf einigen Zetteln etwas Staub weg, um lesen zu können, was da drauf stand. Groll? Verwundert öffnete ich die Kiste und fand jeglichen Groll vor, denn ich je im Leben erfahren oder empfunden hatte. Da war z.B. Thomas, der mir in der ersten Schulklasse meine Schere mopste. Oder Frau Weiler, die Lehrerin, die meine schönen, roten Lackschuhe auf einen hohen Schrank stellte, damit ich die Füsse im Unterricht endlich stillhielt. Und so vieles mehr, was angeschaut und verabschiedet werden wollte. Denn alles musste hierbleiben, hier, wo es existieren konnte. Nur dann konnte ich ebenfalls aufsteigen. In diesem Moment begriff ich, dass dieser Raum, dieser unvorstellbare grosse Raum nichts anderes als eine Flugübungshalle ist. Er muss licht sein, leer, um überhaupt fliegen zu können. Ich schnappte mir energisch den Besen „Vergebungsarbeit“, holte einen Eimer voller Dankbarkeit, spuckte Liebe in meine Handflächen, rieb sie und … machte mich mit Begeisterung an die Arbeit. Auch wenn es dauern mag und man manchmal müde ist, kann man zusehen, wie die Scheiben immer mehr Licht reinlassen. Und die eigenen Augen reflektieren das, geben es weiter an jeden, dem man begegnet.

© Christiane Amrita Schmitter, 21.08.2016

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