Lebensweg

In Gedanken versunken sitzt ein junger Mann im Schneidersitz auf einem mit saftigem Gras bewachsenen Pfad, der hinter ihm weit in die Ferne reicht und dessen Anfang von hier aus nicht zu erkennen ist. Einen langen Weg hat er bereits gemeistert und er ist auch im Leben weit gekommen. Nun sitzt er hier, der Weg scheint zu Ende, denn vor ihm breitet sich eine scheinbar endlose Wüste aus. Kein Pfad in Sicht, auf dem er weiterhin frohen Mutes Schritt für Schritt seinen Weg gehen kann. In seinem Schoß liegt ein geöffnetes Bündel, dessen Inhalt er wehmütig betrachtet. Seine Flügel befinden sich darin, denn er hat vergessen, wie man sie sich überstreift, um dann die Schwingen auszubreiten und in die Lüfte zu steigen. Bisher griff er nach den Sternen, betrachtete die Welt und vieles mehr aus einer anderen Perspektive. Alles in seinem Leben war im Einklang mit seinem Selbst. Doch nun kann er sich nicht mehr erinnern, wie er das tat. Es fiel ihm so leicht… Traurig und ängstlich hängt er seinen Gedanken nach, die eher einem lauten Tornado gleichen. Nicht wie ein lauer Frühlingswind, der leise und doch gut verständlich Melodien und Worte an sein Ohr trägt.

Ein leises Krächzen ertönt und erschrocken zuckt der junge Mann zusammen, kneift argwöhnisch die Augen zusammen und hält vorsichtig Ausschau nach dem Urheber des Krächzens. Raschelnd schieben zwei Hände die Federn auseinander und ein seltsamer Kopf kommt zum Vorschein. „Pah… Endlich Luft. Wurde aber auch Zeit. Was soll ich mich von dir durch die Gegend schleppen lassen, wenn du dich nicht um mich kümmerst?“, schimpft das Wesen, welches aussieht, als hätte es noch nie Wasser und Seife gesehen. Ehrlich gesagt riecht es auch so.

Verblüfft entgegnet der junge Mann: „Verzeih, ich wusste nicht, dass du mit auf Reisen bist, sonst hätte ich gern mit dir geteilt, was ich habe.“ In Tränen ausbrechend und sich die Haare raufend würgt dieses seltsame Wesen „Das glaub ich dir nicht!“ hervor, um sich dann schniefend zusammenzukauern. Die Arme schützend um seinen Körper gelegt, sachte sich wiegend… Der junge Mann weiß nicht so recht, was er davon halten soll und überlegt für sich im Stillen, ob er umdrehen und den Weg zurückgehen soll. Vielleicht hat er eine Abzweigung des Pfads übersehen. Aber halt… Nein! Irgendwie passt dieses seltsame Wesen zur ungastfreundlichen Umgebung vor ihm. Ob es ein Eingeborener ist und mir die Richtung weisen kann? Vorsichtig fragt der Junge Mann ihn: Wer bist du denn und woher kommst du?“ Mit Augen, groß wie Untertassenteller, starrt ihn das kleine Wesen ungläubig an. Man kann regelrecht zusehen, wie seine Kinnlade runterfällt. Fontänen der Tränen ergießen sich aus seinen Augen und … Nun, den Rest erspar ich dem Leser lieber. Lächel… Während der junge Mann hastig nach dem zweiten Flügel greift und schützend vor sich hält, sich spuckfreundliche Kleidung wünscht, presst das kleine Wesen wimmernd hervor: „Was? Du verleugnest mich? Dabei bist du doch mein Vater!“ „Dein Vater? Ich???“ „Jahawoll, du. Du hast mich gezeugt und getauft. Und zwar auf den Namen Angst Leiden Unrecht Hilfloses Opfer mit Familiennamen Ungeliebt. SO!“

Verdattert blickt der junge Mann zum Wesen, findet keine Worte und beschließt, in Ruhe nachzudenken. Unsicher zuppelt das Wesen an seinem Hemd und öffnet seinen Brustkorb wie man eine Türe öffnet. „Da! Guck! Damit hast du mich erzeugt.“ Der junge Mann sieht hin… und … erlebt eine wahre Flut von Emotionen. Ängste, die er in seinem Leben erfahren hatte. Das Gefühl der Hilflosigkeit in manchen Situationen. Die eigene Verletzlichkeit und vieles mehr. Mit jedem Durchleben einer unschönen, freudlosen Emotion fühlt er sich in einen eigens dafür geschaffenen Film versetzt und erkennt immer wieder aufs Neue, dass sie Facetten aus seinem Leben reflektieren. Erschöpft und ängstlich schließt er rasch die Bauchtüre. „Dein Vater bin ich nun wirklich nicht, aber ich verstehe, was du mir sagen möchtest….“ „Rabenvater…“

Der junge Mann verstand nun, dass er dieses Geschöpf selbst erschaffen hatte. Doch was nun? Ratlos drückt er den zweiten Flügel an sich und ruft innerlich um Hilfe. Eine sanfte Stimme flüstert ihm ins Ohr, sich umzuschauen. Auf der Suche nach der Quelle stellt er überrascht fest, dass er niemanden sehen kann. Dafür etwas anderes. Vor ihm, in der Wüste, befinden sich nun zwei Pfade. Er sitzt genau vor der Gabelung. Wie hatte er das übersehen können? Leise flüstert die sanfte Stimme, sich jeden Weg genau anzuschauen und hineinzufühlen. „Wer bist du?“, fragt er. Das seltsame Wesen schimpft „Zuhören kannst du auch nicht!“ „Nein, ich meine nicht dich, sondern… Ach, nicht so wichtig…“ Ich bin deine Intuition, vertraue auf meine Worte und lass mich nicht durch deine Ängste verstummen. Sieh genau hin. Währenddessen grummelt das seltsame Wesen unglücklich vor sich hin.

Da er eh nicht weiß, ob er nun diesen oder jenen Weg einschlagen sollte, entschließt er sich, sie sich anzuschauen. Was hat er zu verlieren? Nichts! Lächel… Auf dem einen Weg zeichnen sich Bilder ab. Dort wandert er mit dem keifenden und schniefenden Wesen im Gepäck entlang, erklimmt hohe und schwer zu besteigende Berge. Er baut mit seiner Intuition eine Beziehung auf und meidet jede Form von Kummer, indem er andere Menschen nicht ganz an sich heranläßt und sich weiter im Zweifel mit sich selbst übt. Dafür nimmt er auch gerne Umwege in Kauf. Das innere Gleichgewicht scheint nicht ganz ausgeglichen, denn die Angst und das Gefühl des Ungeliebtseins sind ebenfalls ständige Begleiter, die sein Innenleben gern auf den Kopf stellen und unschöne Dinge einflüstern.

Zweifelnd wendet er sich nun dem anderen Weg zu und betrachtet die Bilder, die sich dort abzeichnen. Er sieht viele Menschen, die ihn sehr gern haben. So wie er ist! Er kann sie jederzeit um Hilfe bitten und tut dies auch. Er erfährt Unterstützung. Oh, er erinnert sich daran, wie er seine Flügel überstreift und seine Höhenflüge genießen kann. Gemeinsam mit anderen Menschen. Auch wenn es immer wieder Mal Momente der Ungewissheit gibt, so fühlt er sich doch vollkommen geborgen und sicher. Denn er hat gelernt zu vertrauen. Indem er begann, sich selbst und seiner Intuition, die ihm eigen ist, zu vertrauen, so konnte er auch dazu übergehen, anderen zu vertrauen. Wo ist das Wesen, die Angst? Es ist integriert in seinem Selbst! Eingewickelt in ein Schmusetuch, welches der junge Mann als kleines Kind liebte und welches im Geborgenheit gab. In den Armen ein heißgeliebtes Kuscheltier. Es strahlt, das Wesen. Es duftet! Der junge Mann fühlt überrascht hinein und stellt fest, dass es in Liebe angenommen und als Bestandteil seines Selbst angenommen wurde statt abgetrennt von sich und mit Unwohlsein betrachtet. Denn auch Angst ist ein gesunder Helfer im Leben, in allen Situationen und bringt einen weiter. Es möchte aber auch geliebt werden. Indem der junge Mann es von ganzem Herzen liebte, konnte er loslassen und sich selbst heilen. Ganz werden. Das kleine Wesen ist Teil von ihm. Wir alle haben unsere Schattenseiten und lernen, dass zu erkennen und anzunehmen.

Aber wie mach ich das, scheinst du dich zu fragen. Kümmere dich nicht um das große Ganze, sondern um die kleinen Details. Gehe Schritt für Schritt vor, lasse deine Emotionen zu, schau, was sich wie für dich anfühlt und vertraue dir diesbezüglich. Du bist wunderbar! Genau so wie du bist! Du bist heute der Mensch, der du bist, aufgrund deines Lebens, deiner Erfahrungen. Du hast das Leiden kennen gelernt und weißt daher auch die Liebe zu schätzen. Du hast soviel Liebe zu geben, teile sie mit anderen Menschen. Du bist so weise aufgrund all deiner Lebenslektionen, lehre sie anderen Menschen, indem du es vorlebst. All das hat dich so stark gemacht, all die Schlachten, die du geschlagen und verloren hast. Handle in Liebe und wisse, dass du immer beschützt bist und Führung hast. Vertraue deiner Intuition und damit dir selbst.

© Christiane Amrita Schmitter 12.07.2012

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Fabijenna sagt:

    Hat dies auf Fabijenna rebloggt.

    Gefällt mir

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